Matthias Ströckel
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Text von Barbara Leicht M.A., veröffentlicht anlässlich der Ausstellung "FIGHT.FLIGHT.FREEZE" von Matthias Ströckel im Galeriehaus Nord, Nürnberg am 25.9.26, © 2015 Matthias Ströckel / Barbara Leicht
FIGHT.FLIGHT.FREEZE
Mit dem Titel FIGHT.FLIGHT.FREEZE entzündet Matthias Ströckel ein Feuerwerk an Gedanken in den Köpfen der Betrachter und nutzt deren Wissen um die unsichere Lage der Welt. Denn die Nachrichten- und Bilderflut ist spätestens seit 9/11 und der Pandemie medial dauerpräsent und überschattet heute das Leben nicht allzu weniger Menschen mit Unsicherheit und Instabilität, unorientiert bleiben sie sich selbst überlassen.
Es ist nicht nötig hier mehr zu erklären – was gerade geschieht, worum es geht ist, allgemein bekannt. Ströckel lässt in seinen Arbeiten teilhaben an Gedanken und Auslegungen von Mechanismen der Gegenwart, und ebenso an der Frage nach Orientierung und der Suche nach Richtung.
Eine Ausstellung, anmutend wie ein individuelles, künstlerisches Dictionnaire samt Supplementband manch grundlegender Symbole aus Geschichte und Empirie: Mit sparsamen Mitteln und minimaler Formsprache entwickelt der Künstler Zeichensetzungen, über die man lange nachdenkt und die viele Bereiche berühren, begonnen beim Künstler und dessen Ideenfindung und -formung bis hin zu im weitesten Sinne europäischen Kulturen.
Hierzu gewähren Sprache und Begrifflichkeit den Zugang zu den Bildern und Objekten Ströckels.
Ein Streifzug durch die Arbeiten:
„Traces of Vanishing“: Vier mit Kohle überzeichnete Drucke barocker Landkarten – topografisch zu den Regionen passend, auf denen der türkische Begriff HÜZÜN, der russische TOSKA, der portugiesische SAUDADE, und der walisische Begriff HIRAETH schabloniert erscheinen und die historischen Darstellungen ein Stück weit freigeben.
Die Begriffe bezeichnen Sehnsucht, Schwermut, Weltschmerz, als Gefühle der jeweiligen Volksseele und sind sowohl individuell als auch kollektiv in den Regionen vorzufinden.
Eine korrekte Übersetzung ins Deutsche ist daher nicht möglich.
Den Künstler beschäftigte die Suche nach einer Entsprechung im Deutschen und die Fragestellung nach einem gemeinsamen Nenner dieser Zustände und Begriffe.
Es mag die Melancholie sein, die in unserem Sprachgebrauch jenen von ihm visualisierten Gemütsstimmungen nahekommt.
Ausgangspunkt von Ströckels Recherche ist Dürers Kupferstich „Melencholia I“ aus dem Jahr 1514. Kunsthistoriker Erwin Panofsky legte dieses Blatt als geistiges Selbstportrait des Künstlers aus, da Melancholie (Schwarzgalligkeit) in der Renaissance zu einem Sinnbild des tiefüberlegt leidenden und genialen Künstlers wurde. Inhaltlich begleitet dieses Bild Ströckel seit langen Jahren – einst diskutierte er den rätselhaften Polyeder in einer Ausstellung.
Ströckel spielt unter anderem mit bekannten heraldischen Symbolen, um der heutigen Orientierungslosigkeit Ausdruck zu verleihen und um Überzeitlichkeit zu erzeugen.
„Earth, Wind and Fire“: Die Kriegsherde lodern, homo bellicosus, der Mensch ist ein kriegerischer. Die Parlamentärflagge zwar noch weiß, jedoch in diesem Objekt am mehrfach abgeknickten Mast funktionslos, eine Richtung nicht bestimmbar, denn der Künstler lässt den Blick im Zickzack des Metallrohres schnelle Bewegungen vollführen.
Man kann wohl die Hoffnung auf eine friedliche Welt aufgeben.
„Bis dahin“, eine für diese Ausstellung entwickelte Arbeit:
Ein Wurfspeer durchbohrt einen Granatapfel zielgenau in der Mitte, der rote Saft fließt. Matthias Ströckel schafft hier mit sparsamsten Mitteln eine theatralische, mutmaßlich vom Hochbarock inspirierte Anmutung – der Saft des Granatapfels, dramatisch geronnen an der Wand und am Boden. Es ließe sich wohl eine ganze Litanei historischer Gemälde und Skulpturen aufsagen, die den Künstler womöglich latent hierzu inspirierten. Doch das Objekt weißt nicht nur auf die Historie hin, sondern versetzt die Inhalte in die Gegenwart. Der Granatapfel als Herrscherinsignie und Symbol von prosperierender Macht, die über die Jahrhunderte hinweg stets von neuem zerstört wurde. Welche Macht, lässt Ströckel offen und generiert ein allgemeines, skulptural waghalsiges Bild. Das Symbol des fruchtbaren Granatapfels wandelt sich in eine Darstellung der Vanitas. Nichts ist für ewig.
Stillstand der Zeit: erstarrtes Wachs hält das Pendel des Metronoms an – „Resting pieces“ –eine weitere Variation der Vanitas, in der Ströckel eine Metapher aus der Malerei vergangener Epochen ins Jetzt holt.
Stillstand der Bewegung: „Present progressive #8“: Die schwarzweiße Abbildung der Skulptur „Apoll und Daphne“ von Gianlorenzo Bernini mit Decalcomanie schwarzweiß überarbeitet – Ströckels zeitgenössischer Eingriff gibt dem Zufall Raum und erschließt eine neue Bildebene.
„Orientierung im klaffenden Raum“: Ein Wetterhahn und ein Wetteradler, gewöhnlich auf Dächern befindlich, dekonstruiert und neu arrangiert als skulpturales Objekt auf Bitumenwellpappe montiert. Ein Hinweis auf die Orientierungslosigkeit der heutigen Zeit. Hahn und Adler wiederum heraldische Wappentiere, die weder Halt noch Richtung finden. Sie verdeutlichen Instabilität.
Schließlich „Fight, Flight, Freeze“ das geloopte digitale Video:
Alles befindet sich im ständigen Fluss und ist Veränderungen von Form und Inhalt unterworfen, so werden Richtungen und Bedeutungen von Neuem definiert. Das war stets so und wird immer so sein.
Zeichnung, Fotografie, Objekt, Installation, neue Medien: Der Künstler nutzt verschiedenste Techniken und verschränkt in den Arbeiten Vergangenheit und Gegenwart.
Wissensbegierig, interessiert an Alltäglichem, an Zeitläuften sowie Bildern aus der kollektiven Erinnerung, erforscht Matthias Ströckel künstlerisch-wissenschaftlich im Blick zurück nach vorne Grundlegendes und Epochen überdauernde Systeme unserer Gesellschaften. Die Ergebnisse friert er in seinen Werken ein.
„Wachen, Wahrnehmen und Denken sind höchste Lust, ebenso Hoffnungen und Erinnerungen“, so Aristoteles.
Barbara Leicht M.A.